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Erfolgversprechende Anschubfinanzierung für „Rote Adler“ mittels ICO

RS. Red Eagle AG: Wird Reiner Stemme die Frontex mit seinen Überwachungsflugzeugen beliefern?

Freitag, 13 März 2020 15:57 geschrieben von 
Das Flugzeugmuster RS 120 Guard der RS. Red Eagle AG Das Flugzeugmuster RS 120 Guard der RS. Red Eagle AG

Trebbin – Nur die wenigsten Kleinflugzeuge werden mit einem eigenen Eintrag in der Online-Enzyklopädie Wikipedia gewüdigt. Das einmotorige Fernerkundungs- und Überwachungsflugzeug vom Typ RS-UAS Q01 gehört zu ihnen. Es wurde ab dem Jahr 2014 von der Reiner Stemme Utility Air-Systems GmbH (RS-UAS) entwickelt und gebaut. Im Wildauer Zentrum für Luft- und Raumfahrt konzipiert, absolvierte der Prototyp im November 2015 auf dem Flugplatz Magdeburg-Cochstedt seinen ersten Flug. Die eigentliche Flugerprobung fand im April 2016 in Schönhagen statt. Im Juni 2016 konnte Reiner Stemme mit der Ausstellung der RS-UAS Q01 auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) in Berlin ein erstes Glanzlicht setzen. Der leidenschaftliche Flugzeugkonstrukteur betonte: „Unser Prototyp der Plattform Q01 entstand in nur 18 Monaten Entwicklungszeit in Kooperation von Deutschland und Katar. Wir wissen, wie man so ein Flugzeug baut, und unsere Kunden in Katar haben ihre Anforderungen für die Luftaufklärung eingebracht.“

Nicht nur im Wikipedia-Beitrag werden die wesentlichen Konstruktions- und Nutzungsdaten der RS-UAS Q01 aufgezählt. Auch die brandenburgische Landespresse, zum Beispiel die „Märkische Allgemeine“, berichtete groß über die Leistungen des Fliegers, der eine Tonne Nutzlast tragen und bis zu 50 Stunden am Himmel sein kann – und das sogar ohne Pilot. Durch diverse Optik- und Radarsysteme ist das Flugzeug vielfältig einsetzbar. Das gilt gleichermaßen für den Zivil-, Militär- und Forschungsbereich.

Zum Zeitpunkt der Präsentation der RS-UAS Q01 konnte Dr. Reiner Stemme schon auf ein bewegtes Berufsleben zurückblicken. 1963 hatte er das Berliner Abendgymnasium absolviert und bis 1969 an der TU Berlin Physik studiert. Danach gründete er in der Schweiz eine Laserfirma und promovierte nebenbei an der Universität Bern. Bis zum Jahr 1985 nahm er unterschiedlichste Aufgaben als Geschäftsführer des VDI-Technologiezentrums wahr, aus dem 1984 die Stemme AG und 2013 die Reiner Stemme Utility Air-Systems GmbH hervorgingen. Seitdem widmet er sich der Entwicklung und dem Bau von Forschungs- und Beobachtungsflugzeugen.

Diesen Interessen treu bleibend, betritt er gerade unternehmerisches Neuland, indem er neue Finanzierungsmethoden für sein jüngstes Flugzeug-Projekt „Red Eagle“ ausprobiert. Mithilfe des Initial Coin Offering (ICO) sollen die besonders für Patrouillenflüge einsetzbaren „Red Eagle“-Modelle RS 120 und RS 500 von der Planungs- in die Produktionsphase überführt werden. Verantwortlich für alles ist die in Trebbin ansässige RS. Red Eagle AG unter CEO Dr. Reiner Stemme und CFO Dr. Wolfgang Stemme. Der Neffe des Firmengründers und Vorstandschefs gibt als Ziel aus, eine feste Größe im europäischen Markt für luftgestützte Fernerfassung und Überwachung in den Bereichen Sicherheit, Handel und Umwelt zu werden. Der Red-Eagle-Ansatz sei die Synthese bemannter und unbemannter Flugmerkmale in einem einzigen Flugsteuerungssystem und verbinde Merkmale wie Reichweite und Ausdauer mit niedrigem Kraftstoffverbrauch und geringer Geräuschentwicklung, so der CFO.

Durch den Einsatz innovativer Sensortechnologien sollen die Flugzeugtypen RS 120 und RS 500 neue Sicherheits- und Umweltanwendungen ermöglichen. Über das Flugzeugmuster RS 120 Guard teilt die RS. Red Eagle AG mit: „RS 120 zielt auf polizeiliche Aufgaben, Grenzüberwachung mit niedriger bis mittlerer Reichweite und eine Vielzahl von ähnlichen Aufgaben. Durch sein Elektro-/Hybrid-Energiesystem ermöglicht es abgedeckte Missionen mit nahezu null Lärm- und Infrarotemissionen zu den Objekten auf dem beobachteten Boden. Und durch seine zwei Energiequellen Batterien und Range Extender bietet es die Sicherheit eines zweimotorigen Flugzeugs. RS 120 übernimmt Hubschrauberaufgaben der Mittelklasse durch Leistung und niedrige Signatur und einen Bruchteil der Kosten.“

Die RS 500 hebt sich mit ihrer Nutzlast von 750 Kilogramm, überlegenen Flugeigenschaften und niedrigen Betriebskosten von Konkurrenzmodellen ab. Reiner Stemme empfiehlt sie unter anderem für die Überwachung von Seegebieten und komplexen Verkehrsanlagen. Das brandenburgische Unternehmen kann sich auch gut eine Indienstnahme der „Roten Adler“ durch die EU-Grenzschutzagentur Frontex vorstellen, wie die Internetseite verrät („EU-Frontex is another potential customer“). Darüber, ob schon entsprechende Verhandlungen geführt werden, hüllt man sich in Schweigen.

Die Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache wurde 2004 gegründet, um die Mitgliedsstaaten der EU sowie Schengen-assoziierte Länder beim Schutz der Außengrenzen zu unterstützen. „Wir entwickeln ständig Pilotprojekte zur Einführung neuer und innovativer Technologien zur Modernisierung des Grenzmanagements der EU“, heißt es seitens der Frontex. „Unser Ziel ist es, das angemessene Gleichgewicht zwischen verstärkten Grenzkontrollen und der Durchleuchtung unter Sicherheitsaspekten auf der einen Seite und auf der anderen der Ermöglichung eines möglichst reibungslosen Grenzübertritts für alle, die die EU aus geschäftlichen oder touristischen Gründen oder zu Studienzwecken verlassen oder besuchen, zu gewährleisten.“

Da sie sehr operationell ausgerichtet ist, verfügt die Agentur derzeit über mehr als 1.500 Beamte, die jederzeit EU-weit eingesetzt werden können. Ihre sichtbarste Tätigkeit sind Aktionen zur Eindämmung der illegalen Migration und zur Bekämpfung der grenzüberschreitenden Kriminalität. Die Grenzschutz- und Küstenwachebeamten sind mit Schiffen, Einsatzfahrzeugen, Flugzeugen und anderer Ausrüstung an den europäischen See- und Landgrenzen sowie auf internationalen Flughäfen im Einsatz. Die Seeeinsätze umfassen Zusatzaufgaben wie die Überwachung der Meeresverschmutzung und der illegalen Fischerei.

Die Flugzeuge RS 120 und RS 500 scheinen für solche Aufgaben wie gemacht zu sein. Sollte die RS. Red Eagle AG tatsächlich Maschinen an die Frontex liefern können, wäre das für Reiner Stemme wie ein Sechser im Lotto plus Zusatzzahl. Aber noch sind die beiden Flugzeugtypen nicht auf dem Markt, sondern bedürfen einer Anschubfinanzierung durch das Initial Coin Offering. Beim ICO handelt es sich um einen Crowdfunding-Ansatz von Firmen, die mit Kryptowährungen arbeiten, um die umständliche Kapitalaufnahme bei Banken zu vermeiden. Im Zuge des Initial Coin Offering werden Anteile unternehmenseigener Kryptowährungen an Anleger im Austausch gegen staatliche oder andere digitale Währungen vergeben. Klappt es mit der Kapitalbeschaffung, soll die RS 120 noch 2020 als Prototyp auf den Markt gebracht und 2021 erstmals ausgeliefert werden. Bei der RS 500 sind die Prototyp-Vorführungen für das Jahr 2021 und erste Auslieferungen für 2022 geplant.

Letzte Änderung am Samstag, 14 März 2020 11:11
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